Martin Plankensteiner

Das erste Mal

November 2010 – Ich sitze im Flugzeug. Unter mir die Granitberge von Korsika. Mein Ziel Sardinien – Selvaggio Blu. In meiner Hand halte ich ein kleines Buch, das eine ungefähre Wegbeschreibung dieses anscheinend faszinierend schönen und schwersten Trekkings von Italien widergibt. Neben mir sitzt ein Muskelprotz, der an jeder sichtbaren Körperstelle wilde Tätowierungen trägt. Er wirkt nervös. Ich denke mir, ich sitze wahrscheinlich neben dem meist gesuchtesten Verbrecher Italiens. Landung – turbulent im Regen. Der einzige, der nach gelungener Landung klatschend fast vom Sitz springt, ist El Capone neben mir. Flugangst. Ich muss lachen wegen meiner dunklen Gedanken.

Irrweg Sardische Macchia, vor - zurück, rauf -  runter. Ich verliere den Weg, glaube, ihn wieder zu finden. Kein einziges Boot am endlosen Horizont. Keine Stimme, nicht einmal Vogelgesang durchbricht die Stille. Sollte mir hier etwas passieren, würde man irgendwann meine Überreste finden. Wieder dunkle Gedanken. Ich erreiche eine Hütte, ein sogenanntes Ovile. Anhand eines Fotos in meinem Buch erkenne ich den Ort wieder. Zumindest an dieser Stelle bin ich richtig. Der Gaskocher zischt. Ich suche in meinem Rucksack nach dem Stoffbeutel mit Essbarem für 3 geplante Tourentage. Ich erstarre, werde hektisch. Er ist nicht da. Verloren, irgendwo am Weg, in der Hektik des Schnellvorankommenwollens. Mir bleibt eine Packung Kaugummi und eine Hand voll Nüsse. Doch ich bin zu müde, um darüber nachzudenken und schlafe irgendwann ein.

3.Tag : Cala Sisine. Hammerschläge und Motorsägenlärm. Einige Männer verrichten an einer Hütte Reparaturarbeiten. Einer nähert sich mir und schaut mich verdutzt an. Birra, ist das einzige Wort, das aus mir rauskommt. Er sagt: „Birra si, mangiare no“. Das stört mich momentan nicht, bin eher von Durst als Hunger geplagt. Ich trinke 2 Bier und bezahle mit 20€. Kein Wechselgeld gibt mir der kleine, etwas rundliche Sarde zu verstehen. Stimmt schon, sage ich, es ist mir nicht zu viel, schließlich hat er mir zumindest kurzzeitig das Leben gerettet. Ankunft in Cala Gonone. Straßen, Autos, Menschen. Ristorante, Gelateria. Hochgenuss. Überlebt.

 

Oktober 2016. Cala Sisine. Rekord. 11 Stunden und 18 Minuten für die 5 Tagesetappen des Selvaggio Blu. Franco reicht mir am Strand ein kühles Glas Wein und drückt mir die Hand. Ich bin müde, aber glücklich.

Februar 2019. Ich sitze zu Hause und schreibe diesen Text. Draußen liegt noch Schnee. Unzählige schöne Erinnerungen und Reisen nach Sardinien. Alles ist bunt geworden. Ich habe die dunklen Gedanken verdrängt. Und wer weiß, vielleicht hat auch El Capone seine Flugangst überwunden.

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