Hubert Niederwolfsgruber

Starke Frauen, eine Begegnung der besonderen Art

Der Name des Ortes im hintersten Niederswanetien lässt sich nur schwer behalten. Nach einem steilen Aufstieg von Ushguli und einer langen Panoramawanderung über den Gvibarikamm treffen wir auf unsere Fahrer Shako und Gogi auf den Lakbaripass. Erst heute Morgen haben wir erfahren, dass der Pass aller Voraussicht nach schneefrei und somit befahrbar sein soll. Wir sind wohl heuer die Ersten, die nach Süden über den Pass wollen. Gerade sind wir vom Lakparipass heruntergekommen, Shako fährt im Tsheuistskali Tal in Niederswanetien zur letzten Ortschaften nach hinten. Er muss selber noch einmal nachfragen, wo genau unser Guesthouse liegt, kein Schild zeigt es an. Vor einer Steinmauer hält er mit den Worten an: „Da laufen hübsche Mädchen", dahinter hört man Stimmen. Nino, die ältere der zwei Töchter, empfängt uns mit einer Herzlichkeit, wie man sie selten findet. Wir werden in einen Innenhof geführt und sogleich auf die Zimmer verteilt. Das einzige Haus im Dorf mit „Fenster-Stuck“ ist aus Sowjetzeiten und hier wohl mal die erste Adresse gewesen, jetzt scheint es wie 100 Jahre alt...alles sehr authentisch... Wir werden in die riesigen, hohen Zimmer geführt, einige Wände haben Ritzen, wo man mühelos nach draußen sieht und jetzt die tiefstehende Sonne hereinscheint…erste Zweifel überfallen uns, ob wir hier wohl auch wirklich richtig sind?

Sind wir in Oberswanetien etwa etwas verwöhnt worden? Dort ist mit dem Tourismus schon ein bescheidener Wohlstand eingezogen. Hier hingegen ist die Zeit stehen geblieben. Ein Rundgang ums Haus führt uns direkt in die Küche, ein dreiseitiger Holzverschlag etwas abseits, wo nur im Sommer gekocht wird. Schnell wird frisches, noch heißes Brot und Käse gereicht. Die erste Annäherung könnte nicht besser sein, die Mutter und ihre zwei Töchter, Nino und Ekaterina, bewirten uns mit großer Freundlichkeit und Giorgi kommt kaum mit dem Übersetzen nach. Spontan beschließen die Frauen, uns das Haus zu zeigen. Beim Garten mit allerlei Kräutern und Gemüse fängt man natürlich am besten an, dann kommt die Mühle und die Schnapsbrennerei, gleich neben der „Sommerküche“. Nun geht es ins Haupthaus; in der luftigen Vorratskammer neben der Küche hängt über der Getreidetruhe geräucherter Schinken. In der überraschend modern eingerichteten „Winterküche“ wird eine schwere, im Boden eingelassene Holzluke geöffnet, die steile Stiege führt in den Vorratskeller mit Lehmboden. Allerlei eingelegte Leckereien, Obst, Gemüse, Vino - und vom Tchatcha, einem Apfel-Birnen Brand, müssen wir unbedingt kosten. In der Zwischenzeit ist Barbara, die jüngere Cousine dazugekommen. Ich meinte, sie müssten sehr viel Vertrauen zu uns „Fremden“ haben, wenn sie uns ihre geheime Vorratskammer zeigen, Giorgi übersetzt, sie kichern nur herzhaft.

Augenblicklich finden wir uns gedanklich in einem Film wieder, den wir am Vorabend in Ushguli in einem Kellerkino gesehen haben. Anhand einer wahren Begebenheit schildert er auf dramatische Weise das Leben der Swanen und die Schwierigkeiten der Beziehungen zwischen Männer und Frauen und deren Familien in Swanetien. Fiktion und Wirklichkeit vermischen sich. Auch hier in unserer Gastfamilie, wie dort, übernehmen Frauen mit einfachen Mitteln, aber viel Ideenreichtum, Engagement und Zupacken die Versorgung der Familie und Gäste - währenddessen die Männer über Ehre und Blutrache debattieren, möchte man sinnieren. Noch greifbarer wird die Film-Geschichte, als sie uns im Wohnzimmer über dem Kamin Bilder von Vater und Bruder zeigen, die vor 15 Jahren gestorben sind. Wie, sagen sie uns nicht.

Neugierig schauen plötzlich mehrere Nachbarn vorbei, auch wir sind im Dorf eine echte Attraktion.

Eigentlich verwundert es uns nicht, dass wir später mit einem festlichen Abendessen überrascht werden, ehrliche Gastfreundschaft steht auch in Niederswanetien ganz oben!

 

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